Teil 1:

ESG - Ein Schlüsselelement der Vorstandsagenda?

 

Wie schneidet ESG als strategische Priorität ab?

Die strategische Priorität eines Unternehmens besteht im Allgemeinen darin, Umsätze und Gewinne zu maximieren, wobei die Mitarbeiterzufriedenheit, das Produktangebot, die Effizienz und die Marke für die meisten Unternehmen entscheidende Prioritäten sind. Auch ESG-Faktoren gelten den meisten Teilnehmern eindeutig als strategisch, allen voran in der Geschäftsführung (73%). Nichtsdestotrotz ist es für Nachhaltigkeit und damit für nachhaltigen Einkauf eine (sehr) gute Nachricht.

Eine weitere wichtige Beobachtung ist, dass es nach Umsatz und Rentabilität eine lange Liste mit ähnlich wichtigen geschäftlichen Aktivitäten gibt, die von mehr als 70% der Teilnehmer anerkannt werden.

Es ist einfach noch viel zu tun in diesen unsicheren Zeiten - und das ist mit dem sehr reellen Risiko verbunden, dass nicht alles gemacht werden kann.

Um die vollständige Ausgabe von BRIDGING THE GAP zu lesen, füllen Sie bitte das folgende Formular aus:

Frage: Wie wichtig ist jede der nachstehenden strategischen Prioritäten für Ihr Unternehmen in den nächsten zwei Jahren?

Basis: Prozentsatz der Business Leader, die entweder mit „sehr wichtig“ oder „äußerst wichtig“ geantwortet haben

Abbildung 1:
Pragmatische Geschäftsziele stehen zweifellos im Fokus der Business Leader; allerdings achtet eine beachtliche Mehrheit auf ESG-Prioritäten.

Expertenmeinung
Paul Ekins OBE
Professor für Energie- und Umweltpolitik, UCL
University College London

„Durch die Beurteilung und Prüfung von Lieferanten kann der Einkauf entscheidend für die Reduzierung von Scope 3-Emissionen sein.“

Mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftswachstum und ökologischer Nachhaltigkeit teilt Professor Ekins seine Erkenntnisse darüber, wie sich der Klimawandel in den kommenden Jahren auf unser Leben auswirken wird und welche Maßnahmen Unternehmen, Regierungen und Einzelpersonen ergreifen können, um die Auswirkungen zu mildern.

Follow the money

Die Unternehmenslandschaft ändert sich schneller als je zuvor und nach über zwei Jahren Chaos beurteilen Unternehmen sämtliche Facetten ihres Geschäfts neu. Entscheidend dafür sind Investitionen in strategische Projekte, die langfristigen geschäftlichen Wert schaffen, die Resilienz eines Unternehmens erhöhen und neue Arbeitsmethoden offiziell einführen.

Unsere Recherchen zeigen, dass fast die Hälfte (49%) der Unternehmen in Digitalisierungsprogramme investiert. Unternehmen betrachten die Nutzung einer agileren IT-Infrastruktur, die firmenweit Resilienz aufbaut, um mit künftigen Unsicherheiten umzugehen, als Schlüsselfaktor für Erfolg. Talentmanagement ist kritischer denn je.

Frage: In welche Projekte oder Aktivitäten investieren Sie aktuell?

(Top 5 angezeigt) (BUSINESS LEADER n=529)

Abbildung 2:
Während nach wie vor traditionelle Geschäftsthemen die Agenda dominieren, sind zwei der wichtigsten strategischen Projekte, in die Business Leader investieren, ESG-fokussiert. 

Unternehmen müssen ihr Engagement für Nachhaltigkeit konkret vor Augen führen. Es gibt Unternehmen, die damit bereits begonnen haben. Kraftfahrzeughersteller wie Volvo beginnen mit der Verwendung von kohlefreiem grünem Stahl, was auf Grund des Preises der erforderlichen innovativen Technologien vor ein paar Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre. Aber das Unternehmen zeigte Mut und ging davon aus, dass seine Kunden dazu bereit sein würden, den höheren Preis für ein „grünes“ Auto zu zahlen.

PROFESSOR PAUL EKINS OBE UCL

Lippenbekenntnis oder echte Absicht?

Es lassen sich jedoch viele Rückschlüsse daraus ziehen, wo ein Unternehmen sein Geld ausgibt. Während Unternehmen durchaus vorhaben, in ökologische Nachhaltigkeit (47%) sowie Diversität, Gleichstellung und Inklusion (35%) zu investieren, lässt die Trennung von ESG und anderen strategischen Prioritäten darauf schließen, dass Unternehmen entweder noch ganz am Anfang stehen und deshalb noch aufrüsten müssen oder dass die entsprechenden Investitionen Compliance-Maßnahmen darstellen und daher eher bedarfsorientiert als strategisch sind. In vielen Fällen sind sie beides.

Deshalb sollte es generell als Warnung wahrgenommen werden, dass wir in Bezug auf ESG-Themen noch immer nicht schnell genug handeln und es dazu noch mit dem Engagement hapert, einen echten Wandel zu bewirken.

Eine Organisation, die den Weg mit klaren Absichten und einem Plan beschreitet - und eine Blaupause für andere Unternehmen bietet - ist der britische Gesundheitsdienst National Health Service.

Expertenmeinung
Dr Nick Watts
Chief Sustainability Officer
NHS

„Wir machen das fünftgrößte Unternehmen der Welt klimaneutral.“

Da der Zusammenhang zwischen Klimawandel und menschlicher Gesundheit immer offensichtlicher wird, konzentriert sich Dr. Nick Watts darauf, das grundlegende Ziel des NHS zu erreichen. Es besteht darin, heute und für künftige Generationen hochwertige Gesundheitsversorgung für alle zu bieten, indem die Resilienz des NHS, seiner Lieferkette und des Gesundheitssystems insgesamt erhöht wird. Der NHS ist das staatliche britische Gesundheitssystem. Es handelt sich um einen der führenden Arbeitgeber der Welt und den größten Europas mit über 1,3 Millionen Mitarbeitern.

ESG-Ambitionen und Zielsetzung

Die Festlegung von Zielen ist ein bewährtes Instrument, das von Unternehmen eingesetzt wird, um Maßnahmen und Verhaltensänderungen innerhalb einer Organisation zu bewirken. Da auch die Geschäftsführung inzwischen ESG-Faktoren neben traditionelleren Messgrößen für den Erfolg eines Unternehmens vorsieht – wie Umsatz, Gewinn und Marktanteil – werden neue Verpflichtungen eingegangen, um Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Über drei Viertel der Unternehmen haben weltweit bereits Ziele gesteckt – oder sind gerade dabei – um Abfall zu reduzieren oder zu beseitigen (76%), verantwortungsvollen Ressourcenverbrauch zu erreichen (76%) und soziale oder gesellschaftliche Auswirkungen zu verbessern (76%).

Frage: Hat Ihr Unternehmen Ziele gesteckt oder ist es in Bezug auf einen der nachstehenden Aspekte eingegangen?

(n=Business Leader 529)

Abbildung 3: 
Die meisten Unternehmen haben umweltspezifische Ziele gesetzt oder sind dabei, sich solche zu setzen. Viele sind jedoch nicht sehr zuversichtlich, diese zu erreichen

Das bedeutet, dass 26% der Unternehmen noch nicht damit begonnen haben, Ziele für bedeutende Probleme wie die Beseitigung von Treibhausgasemissionen zu stecken.

Laut Recherchen von CDP (einer international führenden Umweltenthüllungsplattform ohne Gewinnziel) drohen den Unternehmen bis 2026 Kosten von bis zu 120 Mrd. USD aufgrund von Umweltrisiken in ihren Lieferketten. 2 Ebenso wies der erste Klimastresstest der Bank of England in diesem Jahr darauf hin, dass britische Banken und Versicherungen klimabezogene Verluste in Höhe von fast 340 Mrd. £ bis 2050 tragen müssen, sofern keine Maßnahmen ergriffen werden, um gegen steigende Temperaturen und den Anstieg des Meeresspiegels vorzugehen. 3

Die Festlegung von Zielen wirkt als Katalysator. Daher können wir damit argumentieren, dass das Nicht-Stecken von Zielen bei diesen Problemen riskanter ist als das Stecken von Zielen, die dann vielleicht nicht erreicht werden. Allerdings sollte es ein echtes Interesse geben, da die Zielsetzung noch der einfachere Teil ist. Unternehmen müssen zunächst relevante Messgrößen und Indikatoren festlegen, um Fortschritte zu messen und zu managen. Auch Transparenz ist ein Schlüsselelement für die erfolgreiche Bewältigung der gesteckten Ziele.

Dementsprechend sind die Erwartungen an die Fähigkeit eines Unternehmens, seine eigenen Verpflichtungen zu erfüllen, niedrig. Bei den 74% Unternehmen, die Ziele für die Verringerung oder Beseitigung von Treibhausgasen gesteckt haben, sind nur 33% ihrer Business Leader zuversichtlich hinsichtlich der Fähigkeit ihres Unternehmens, die Ziele zu erreichen.

Unternehmen, die nicht zu einem nachhaltigeren Geschäft übergehen, sind in Bezug auf ihren Betrieb und ihren Ruf mit gestiegenen Risiken konfrontiert - und trotzdem gibt es in vielen Unternehmen keine ESG-Strategien. Es hat Folgen, wenn Ziele nicht erreicht werden - insbesondere jetzt, wo immer mehr Unternehmen ihre ESG-Verpflichtungen in einer jährlichen Nachhaltigkeitsberichterstattung öffentlich machen, öffentliche Versprechen unterzeichnen oder durch direktes B2B- oder B2C-Marketing. Viele Business Leadern sind sich der Reputationsrisiken öffentlicher Verpflichtungen durchaus bewusst, aber besorgniserregend ist, dass ein Drittel (33%) übertriebene Versprechen bei nachhaltigkeitsspezifischen Zielen nicht als erhebliche Reputationsrisiken für ihr Unternehmen sehen.

Emma Howard Boyd, Vorsitzende der Umweltagentur, wies unlängst auf die Risiken für Unternehmen hin, die es nicht schaffen, glaubwürdige Pläne und Fortschritte zu machen. Das kann zu Greenwashing führen und die Gefahr besteht ihres Erachtens darin, dass die Menschen „diese Täuschung erst erkennen, wenn es zu spät ist“.

0%

haben keine Ziele gesetzt

0%

sind zuversichtlich, dass sie sie erfüllen werden

0%

betrachten übertriebene Versprechungen nicht als Risiko

Frage: Inwiefern sind Sie mit den folgenden Feststellungen einverstanden?

(Business Leader n=529)

Abbildung 4:
Ein Drittel der Business Leader erkennt keine Reputationsrisiken in Verbindung mit übermäßigen Versprechen bei nachhaltigkeitsspezifischen Zielen.

Während ESG-Kriterien in der Leadership-Agenda ganz weit oben stehen, sind sie noch nicht fest im Unternehmenszweck verankert. Es besteht nach wie vor ein Unterschied zwischen den Ansprüchen und der operativen Realität eines Unternehmens in Verbindung mit Verfahren, Anpassungen und insbesondere Erfolgszuversicht.

Und was ist mit dem Einkauf?

Abbildung 2 können wir entnehmen, dass zwar über 75% der Führungskräfte die „Verringerung der Umweltauswirkungen“ als strategische Priorität sehen, doch nur ca. 40% der Business Leader erachten dies als Aufgabe des Einkaufs - und sogar nur 36%, wenn wir nur die Geschäftsführung befragen.

Warum ist das so?

2.   CDP, Transparenz zur Transformation: Eine Kettenreaktion, Februar 2021.

3. Future Net Zero, Klimawandel wird bis 2050 zu 340 Mrd. Verlusten führen, Mai 2022.

 

Lesen Sie im 2. Teil weiter:
Aktuelle Herausforderungen für Einkaufsteams

Damit der Einkauf eine führende Rolle bei der Erreichung von ESG-spezifischen Verbesserungen spielen kann, muss er mehrere Herausforderungen meistern.

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