Meinung

Trump und Brexit: Das Ende der globalen Beschaffung?

Autor: Tim von der Decken

Die Stimmung in Davos war schon besser. Der anstehende Brexit und die Übernahme der US-Präsidentschaft durch Donald Trump trübten die Aussichten beim diesjährigen Wirtschaftsforum in den Schweizer Bergen. Klar ist: Die Vorzeichen für die Weltwirtschaft ändern sich. Darauf müssen sich Unternehmen nun einstellen.

„Das Einzige was sicher ist, ist die Unsicherheit“, lautete das Fazit der Teilnehmer beim 42. Weltwirtschaftsforum. In Davos verfestigte sich einmal mehr der Eindruck einer „verkehrten“ Welt. So hielt der chinesische Staats- und Regierungschef ein Plädoyer für den weltweiten Freihandel. „Wir müssen ‚Nein‘ sagen zum Protektionismus“, sagte Xi Jinping und verwies auf Chinas eigene Entwicklung von einem isolierten Entwicklungsland zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde.

„America first“ verunsichert

Zwar ist es für Ausländer keineswegs so einfach in China Geschäfte abzuschließen, wie man aus Xi Jinpings Ausführungen schließen könnte. Aber der chinesische Regierungschef setzte bewusst einen Kontrapunkt zu Donald Trump. Der will als Präsident der Nation, die jahrzehntelang als Vorbild für Freihandel und Wirtschaftsliberalismus galt, die Grenzen abschotten. Bei seiner Amtsantrittsrede machte Trump noch einmal unmissverständlich klar, dass er keineswegs gedenkt, von seiner Wahlkampfrhetorik abzurücken. Aus Obamas „Yes, we can“ ist ein „America first“ geworden.

Handelsabkommen auf dem Prüfstand

Internationale Wirtschaftsbeziehungen sollen künftig vorrangig der US-Wirtschaft nutzen.  Als eine der ersten Maßnahmen beim Einzug ins Weiße Haus kündigt Donald Trump den Rückzug aus der transpazifischen Partnerschaft (TTP) an. Auch die Verhandlungen mit den Europäern über TTIP sollen nicht vorangetrieben werden. Das nordamerikanische Freihandelsabkommen der USA mit Kanada und Mexiko (Nafta) will Trump neu ordnen und Verstöße anderer Länder gegen Handelsabkommen will er „mit allen Mitteln“ bekämpfen. Es zeichnet sich eine Eiszeit im US-Außenhandel ab.

Sanfter Brexit – ist das möglich?

Und auch innerhalb Europas wird es kühler. Zwar schlug die britische Premierministerin Theresa May in Davos einen milderen Ton an als bei ihrer Brexit-Rede zuvor und verzichtete auf die Drohung, ihr Land in ein Steuerparadies zu verwandeln. Das Vereinigte Königreich werde sich in einer Führungsrolle zeigen, als Anwalt für freie Märkte und freien Handel, so May. Großbritannien werde zwar die EU verlassen, aber die Welt umarmen. Aber wie diese Umarmung aussehen wird, ist noch unklar.

Verhandlungen dauern Jahre

Die Verlassenen wollen sich nicht so einfach einwickeln lassen. Da waren sich die Manager und Politiker in Davos einig. Die Verhandlungen über ein Handelsabkommen mit Großbritannien werden nach Ansicht der zuständigen EU-Kommissarin Cecilia Malmström einige Jahre in Anspruch nehmen. Das haben bisherige Prozesse gezeigt: Die Gespräche mit Kanada über CETA haben sieben Jahre gedauert und die Zustimmung im Europaparlament steht noch immer aus. Gleiches gilt für Trumps Vorstellungen von bilateralen Handelsverträgen.

Wie plant man in der Unsicherheit?

Wie soll man angesichts dieser Umstände seine Geschäfte planen? Während man mit Blick auf Großbritannien noch davon ausgehen kann, dass zwar ein langer Prozess vorsteht, dieser aber in geordneten Bahnen verlaufen dürfte. Sind viele Manager angesichts der sprunghaften Aussagen des neuen US-Präsidenten besorgt. Trump bringt mit einigen harschen Worten ganze Branchen ins Schlingern, schickt Aktienkurse und Währungen auf Talfahrt.

Handel schwerer einzuschätzen

Trumps Versprechen: Wer in den USA produziert, hat nichts zu befürchten. Im Gegenteil: Der Republikaner stellt der Industrie Steuersenkungen und Abbau von Regularien in Aussicht. Davon können auch ausländische Niederlassungen profitieren. Vorausgesetzt sie verzichten auf Importe – so will es die Trump-Welt. Seine Idee: Importierte Vorleistungen sollen keine steuerlich abzugsfähigen Ausgaben darstellen, während erzielte Exportleistungen nicht mehr besteuert werden sollen. Eine solche Form der Subventionierung wäre aber nicht kompatibel mit WTO-Recht.

Multipolar statt global

Kein Wunder, dass die Unsicherheit den Managern in Davos die größten Sorgen bereitet hat. Die Ökonomen der Crédit Suisse sehen gar eine neue Ära anbrechen. Nach den Jahren der Globalisierung könnte sich die Welt künftig stärker multipolar ausrichten mit verschiedenen Wirtschaftsregionen, die sich in Bezug auf Wirtschaft, Gesetze, Kultur und Sicherheitsarchitektur unterscheiden. Angesichts globale Risiken könnten die Kostenvorteile einer weltweiten Beschaffung in den Hintergrund treten, lokale Lieferketten gewinnen an Attraktivität. 

Größere Anforderungen an Einkaufsmanager

Die Autobauer reagierten als Erstes: Ford stoppt einen Fabrikbau in Mexiko. BMW rechnet Washington schon einmal laut vor, dass in South Carolina das größte Werk des deutschen Konzerns stehe und von dort aus 70 Prozent der Fahrzeuge exportiert würden. „Es gibt keine Zweifel, dass wir unsere Strategie anpassen müssen“, war Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn in Davos überzeugt.

Global versus local

Nach den Jahren der Globalisierung könnte in bestimmten Absatzmärkten wie den USA und Großbritannien künftig eine stärkere lokale Ausrichtung des Einkaufs interessant werden. „Local Sourcing for Local Sales“, rückt in den Fokus. Das erhöht die Anforderungen an die Beschaffung, die ihre bisherige Strategie überprüfen muss: Ist unter Berücksichtigung von Kosten, Risiko und strategischen Überlegungen das bislang optimale Beschaffungsland auch unter den geänderten Bedingungen noch das Beste? Könnten protektionistische Bestrebungen gültige Parameter verändern? Muss die Supply-Chain grundlegend korrigiert werden? Dies gilt es, durch eigene Analysten oder auch externe Berater zu bestimmen.

Kosten einer Go-Local-Strategie definieren

Dabei kann „Local Sourcing“ helfen, Risiken zu reduzieren. Allerdings dürfen die Kosten nicht außer Acht gelassen werden, die eine regionale Ausrichtung mit sich bringen würde. Wie muss sich die Struktur des Unternehmens ändern? Muss die Beschaffung dezentralisiert werden? Welche Lieferanten sollten ergänzt oder ersetzt werden? Wie können lokale Partner gefunden und eine Qualitätssicherung gewährleistet werden? Wie findet man geeignetes Personal und welche Anforderungen werden an IT und Netzwerk gestellt? Anhand dieser Fragen sollte eine detaillierte Wirtschaftlichkeitsanalyse erfolgen.

Grenzen des lokalen Ansatzes

Im Lebensmitteleinzelhandel gilt Regionalisierung längst als positives Kaufmerkmal. Verbraucher fragen bewusst: „Woher kommt das Produkt?“ Lange Wege sollen aus ökologischen Gründen gemieden und regionale Anbieter gefördert. So will es Trump nun auch für Produkte, die in den USA verkauft werden. Allerdings: Auch US-Unternehmen hängen von globalen Wertschöpfungsketten ab, die sich nicht so schnell ändern lassen. Zudem gibt es Grenzen des „Local Sourcings“. Diese können zum einen natürlich gegeben sein, weil Rohstoffe nicht vorhanden sind. Oder aber durch fehlende Anbieter, geringe Qualität der Ware oder mangelndes technisches Know-how der lokalen Produzenten vorliegen.  

Bayer besucht Trump

Die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass sowohl Politik als auch Verbraucher Produktionsketten von Unternehmen mehr Beachtung schenken. Daher wird es wichtiger,  die eigenen Geschäfte transparent zu gestalten. So besuchte Bayer-Chef Werner Baumann jüngst Donald Trump, um für die Monsanto-Übernahme zu werben. Baumann präsentierte den Zusammenschluss als „Investition in Amerika“. Bayer will damit wohl auch einer negativen Interpretation als „Ausverkauf an Ausländer“ vorbeugen. Derzeit gilt es, Populisten möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Auch im Hinblick auf Social Media, wo sich ein negatives Image innerhalb kürzester Zeit weltweit ausbreiten kann.

Wenig Angriffsfläche bieten

Eine ausgefeilte Kommunikationsstrategie ist für Branchen, die derzeit im Fokus stehen wie die Automobil- oder Pharmaindustrie, daher ratsam. Netzwerke aufbauen und offensiv die positiven Impulse für die Wirtschaft darstellen, gilt als unerlässlich. So betonen die deutschen Autokonzerne derzeit, wie viel sie in den USA produzieren, um möglichst wenige Kritikpunkte zu bieten. Von 2009 bis 2016 hatte deutsche Autobauer ihre US-Produktion vervierfacht, beeilte sich der Branchenverband VDA in Detroit zu verkünden. In der Hoffnung, niemand blickt so genau auf das Engagement der Deutschen in Mexiko. 

Handelsbarrieren lassen sich nicht einfach einbauen

Insbesondere für international tätige Unternehmen werden Veränderungen des globalen Handels und die politische Regionalisierung eine Herausforderung darstellen. Allerdings: Ganz so einfach, wie es sich Donald Trump in seiner Welt ausmalt, lässt sich die US-Industrie nicht schützen. Wechselkurse, Zinsen und Finanzströme folgen nur bedingt den Wünschen eines Präsidenten und können schnell die anvisierten Ziele konterkarieren. So kritisierte auch Milliardär George Soros, dass die von Trump verfochtenen Ideen höchst widersprüchlich seien. Und Finanzminister Schäuble beschwichtigte in den Schweizer Bergen: „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Dennoch gilt es nun, die Entwicklungen genau zu beobachten und sich vorzubereiten, um gegebenenfalls schnell agieren zu können.