Meinung

Populismus und die Renaissance des Protektionismus - Implikationen für den Einkauf

Autor: Tim von der Decken

Frankreich, Deutschland, Österreich, die Niederlande - der Zulauf zu Europas neuen Rechten ist ungebrochen. Die Populisten eint der Wunsch, die "heimische Wirtschaft" zu schützen. Die Folge: Der Protektionismus nimmt zu, die Anhänger des Freihandels werden weniger.  Das birgt Gefahren für deutsche Unternehmen. Zeit sich vorzubereiten.

Jahrzehntelang haben Politiker aller Couleur weitestgehend einen wirtschaftsliberalen Kurs eingeschlagen. Offene Märkte und ein freier Handel galten als Voraussetzungen für Arbeitsplätze und Wohlstand. Nun kippt die Stimmung. Globalisierung und Freihandel werden zunehmend als Übel angesehen und für Arbeitslosigkeit, Armut und Terror mitverantwortlich gemacht. Offene Grenzen machen Angst, sei es vor einströmenden Menschen, die einem den Arbeitsplatz rauben könnten oder Gütern zu Dumpingpreisen.

„Die eigene Wirtschaft zuerst“ ist mehrheitsfähig

Die Briten haben es mit ihrem Votum für den Austritt aus der Europäischen Union vorgemacht: Die Mehrheit bewertet die Nachteile einer großen Wirtschaftsgemeinschaft höher als mögliche Vorteile – ein Novum im Europa der Nachkriegsgeschichte. Auch auf der anderen Seite des Atlantiks weht dem Freihandel ein rauer Wind entgegen. Die US-Amerikaner haben mit Donald Trump einen Präsidenten gewählt, dessen Motto „America first“ die anvisierte wirtschaftspolitische Ausrichtung vorgibt. Die Anti-Globalisierungspolitik findet immer mehr Sympathisanten – nicht nur unter den TTIP- und CETA-Gegner. Bei den 2017 anstehenden Wahlen in Frankreich, Niederlanden und Deutschland könnten die Rechtspopulisten mehr Stimmen abgreifen als es noch vor fünf Jahren denkbar gewesen wäre. Dann dürften die Rufe nach protektionistischen Maßnahmen noch lauter werden. 

Handelsrestriktionen nehmen zu

Schon seit der Finanzkrise 2008 haben WTO-Mitglieder fast vier Mal mehr Handelsrestriktionen in Kraft gesetzt als Hemmnisse abgebaut. Die jüngsten populistischen Ströme sprechen für eine weiter steigende Tendenz. Diese Entwicklungen könnten für Unternehmen nicht ohne Folgen bleiben. Einfuhrbeschränkungen anderer Nationen erschweren Exporte. Für eine Nation mit einem so deutlichen Handelsbilanzüberschuss wie Deutschland gefährden Importquoten und Zölle Umsätze und Gewinne.  Annähernd jeder vierte Arbeitsplatz hängt heute in Deutschland vom Export ab.

Abschottung erfordert Überprüfung der Beschaffung 

Gleichzeitig ist Deutschland als rohstoffarmes Land auf Importe angewiesen. Wie für den Absatz bergen Handelshemmnisse auch für die Beschaffung erhebliche Risiken. Sind doch die Wertschöpfungsketten heute wesentlich fragmentierter als noch vor zwei Jahrzehnten. Über die Hälfte des Waren- und Dienstleistungshandels entfällt mittlerweile auf Vorleistungen. Bei Vorleistungsgütern ist Deutschland heute zu mehr als 30 Prozent von Importen abhängig. Das heißt im Klartext: Die aktuellen populistischen Tendenzen und damit womöglich auch einhergehenden protektionistischen Maßnahmen könnten für Einkauf und Logistik eine geänderte Ausrichtung einfordern.

Ford zieht Investitionspläne zurück

Erste Auswirkungen zeigen sich in den USA: Noch vor Donald Trumps Vereidigung als US-Präsident haben seine Abschottungsdrohungen dafür gesorgt, dass Ford einen geplanten Fabrikbau in Mexiko stoppt. Amerikanismus soll Globalisierung ersetzen - so hat es Trump im Wahlkampf versprochen.  Ob solche Mittel langfristigen Erfolg bringen, ist mehr als fraglich. Und noch lange nicht jede propagierte Maßnahme im Sinne von „wir zuerst, dann die anderen“ lässt sich auch umsetzen. Gesetze, Handelsabkommen und bilaterale Verträge legen hier langfristige Rahmenbedingungen fest.

Geschäftsbeziehungen auf den Prüfstand

Doch angesichts des Kults um den Schutz der heimischen Wirtschaft ist es ratsam, die Bereiche Einkauf und Logistik auf mögliche Abhängigkeiten von protektionistischen Maßnahmen zu analysieren. Dazu zählen in erster Linie die bestehenden Geschäftsbeziehungen. Wo sitzen meine Lieferanten? Werden in diesem Wirtschaftsraum protektionistische Maßnahmen diskutiert? Wie eng sind meine Warenströme beispielsweise mit Großbritannien verwoben? Auch wenn noch unklar ist, wie sich das Zusammenspiel zwischen den Briten und der Europäischen Union künftig gestalten wird. Geschäfte werden aufwendiger, die Beschaffungskosten werden wahrscheinlich steigen. Allein schon, weil eingespielte und automatisierte Beziehungen neu definiert werden müssen. Das erhöht zumindest temporär die Personalkosten.

Offene Diskussion mit Lieferanten führen

Dabei sollten nicht nur die ausländischen Lieferanten betrachtet werden. Auch lokale Partner müssen einbezogen und deren internationale Abhängigkeit überprüft werden. Sind diese durch ihre eigenen Lieferer von protektionistischen Maßnahmen betroffen – und tragen dem nicht entsprechend Rechnung - könnte das negativ auf die eigene Beschaffung ausstrahlen. Im vergangenen Sommer hat sich wieder einmal gezeigt, wie ein Engpass bei einem Zulieferer von Volkswagen die Produktion eines multinationalen Konzerns gefährden kann. Eine transparente Supply-Chain des Geschäftspartners kann hier helfen, die eigenen Risiken besser einzuschätzen und entsprechend vorzubeugen.

Zeitfaktor der Beschaffung

Neben der Herkunft der Lieferanten ist ein Blick auf die zeitlichen Beschaffungsprozesse vonnöten.  Welche Waren und Dienstleistungen müssen wann wohin transportiert werden, um eingegangene Leistungsversprechen einzuhalten? Können meine Geschäftspartner die bisherigen Mengen in der notwendigen Qualität und der festgelegten Zeit auch noch zur Verfügung stellen, wenn tarifäre oder nicht-tarifäre Schranken implementiert werden? Welche nationalen Änderungen könnten für die Beschaffung kritisch werden? Dazu zählen auch neue Vorschriften für Sicherheit, Umweltschutz und Technik. Weniger Freihandel bedeutet in der Regel mehr Verwaltungsaufwand, der entsprechend mehr Zeit und Personal beansprucht. Müssen für international eingekaufte Rohstoffe, Güter oder Vorprodukte Transportwege womöglich neu terminiert werden?

Lokal versus Global

Es gibt gute Gründe, warum ein international aufgestellter Einkauf vorteilhaft ist. In erster Linie sind es die Kosten und das größere Angebot. Ändern sich die Rahmenbedingungen, gilt es die bisherige Strategie an den neuen Gegebenheiten auszurichten. Was in einer Freihandelszone gestern erfolgreich war, kann in einer nationalistisch ausgerichteten Wirtschaftspolitik zur Krux werden. Werden Kostenvorteile durch einen günstigen internationalen Einkauf am Ende durch Schutzzölle und hohen Verwaltungsaufwand aufgezehrt? Gibt es günstigere Alternativen? Lohnt es sich stärker auf lokale Partner zu setzen? Sollte man neue Beziehungen nun anbahnen, verstärkt lokale Messen besuchen? Das gilt vor allem für Niederlassungen in Ländern, die Importe sanktionieren wollen – so wie die USA in den Vorstellungen von Donald Trump. Eine professionelle Analyse der Abhängigkeiten von Märkten und Geschäftspartner ist notwendig, um die Weichen für die Zukunft zu stellen. 

Offene und versteckte Subventionen

Aber: Protektionistische Maßnahmen müssen nicht automatisch zu höheren Kosten führen. Auch Populisten wie Donald Trump sehen im Export die Chance, die heimische Wirtschaft zu stärken. Offene und versteckte Subventionen können zu sinkenden Beschaffungspreisen bei Importen führen – das zeigt sich beim chinesischen Stahl. Rohstoffeinkäufer könnten hiervon durchaus profitieren. Allerdings: Kaum eine Volkswirtschaft nimmt auf Dauer Dumpingpreise hin und wird entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen. Solche Diskussionen sollten genau verfolgt werden, damit man nicht von einem plötzlichen Preisanstieg überrascht wird.

Kritische Stellen nun offenlegen

Noch sind keine neuen Schutzzölle beschlossen, Deutschlands wichtigste Partnerländer sind Mitglieder der Welthandelsorganisation WTO und stehen damit (noch) für eine Liberalisierung des Handels. Ungeplanter und wilder Aktionismus ist trotz der populistischen Tendenzen derzeit nicht gefragt, sondern nun sollten kritische Punkte der Supply-Chain gefunden und markiert werden. Denn nur wer die Schwachstellen kennt, kann schnell agieren, falls es die äußeren Umstände erfordern. Dies kann sowohl intern als auch mit Hilfe von externen Beratern geschehen.

Suche nach Alternativpartnern

Zur Vorbereitung auf veränderte Rahmenbedingungen zählt, dass rechtzeitig neue Lieferbeziehungen angebahnt werden. Vor allem für sensible Güter und Vorleistungen sollten Alternativpartner gefunden werden. Auch eine Local-to-local –Strategie kann geprüft werden. Ist es besser, die Beschaffung nicht mehr zentral zu lenken, sondern von Einkaufsmanager vor Ort regional funktionierende Lieferketten aufbauen zu lassen? Das ist vor allem für große Länder denkbar wie die USA, wo Donald Trumps Plänen zufolge Importe künftig begrenzt werden sollen. Das Gleiche gilt für Großbritannien, wo mit dem Brexit bereits ein veränderter Handelsrahmen beschlossen wurde.

Barrieren ziehen Barrieren nach sich

Ein weiteres Problem: Handelsbarrieren ziehen Handelsbarrieren nach sich. Schotten sich die USA ab, werden andere Nationen folgen. China fordert derzeit von der EU die Anerkennung als Marktwirtschaft – wie es vor 15 Jahren beim Beitritt Chinas zur WTO versprochen wurde. Die EU ziert sich, befürchtet weniger Spielraum gegen Dumping-Importe. Sollte sich hier keine Einigung finden, dürfte China seinerseits weitere Handelsschranken in Erwägung ziehen. Auch hier sollten die Entwicklungen beobachtet werden, um für mögliche neue Barrieren zwischen EU und China gewappnet zu sein. 

Derzeit spricht einiges dafür, dass in der Zukunft flexiblere Strukturen in der Beschaffung und Logistik nötig sein könnten.  Dafür sollten jetzt  Anforderungen an Personal, IT und Infrastruktur definiert werden.